„Von Schnaitsee bis zum Alpenrand bleiben wir im Kreis beinand“ – wohl kaum einer der jüngeren Einwohner des Landkreises Traunstein wird sich der vollen historischen Tragweite dieses prägnanten Wahlspruchs bewusst sein. Manchen Älteren dürfte er dagegen noch regelrecht in den Ohren klingen; war die Forderung nach Erhalt kommunalpolitischer Einheit doch beinahe schon ein Schlachtruf in der erhitzten Debatte um die staatlich verordnete Gebietsreform Anfang der 1970-er Jahre. Nichts Geringeres schien damals auf dem Spiel zu stehen als der unversehrte Fortbestand des Landkreises Traunstein. Letztendlich durften die kämpferischen Lokalpatrioten jedoch aufatmen: 1972 ging der Landkreis Traunstein – getragen und behütet von der facettenreichen Politik des seinerzeitigen Landrats Leonhard Schmucker – gestärkt aus der Gebietsreform hervor. Dieser fulminante Erfolg ist für Schmuckers Nach-Nachfolger Hermann Steinmaßl 40 Jahre später Grund genug, die Bevölkerung am Samstag, 23. Juni, von 10 bis 17 Uhr zu einem groß angelegten „Tag der offenen Tür“ ins Traunsteiner Landratsamt einzuladen.
Mit Fug und Recht sieht sich der seit nunmehr zehn Jahren amtierende Traunsteiner Landrat selbst als politisches Kind der Gebietsreform. Zum einen, weil Steinmaßls Heimat die Gemeinde Fridolfing im einstigen Landkreis Laufen ist. Zum anderen, weil ihn die Politik als Kunst des Verhandelns, Gestaltens und Ausgleichens sein Leben lang in den Bann gezogen hat. Damals war er als frisch gebackenes Mitglied der CSU und späterer Kreisvorsitzender der Jungen Union einer der „anderen 68-er“. Rebellisch gegen alles Überkommene zwar, aber eben nicht „links“. 1978 zog er in den Fridolfinger Gemeinderat und in den Traunsteiner Kreistag ein, später in den Bezirkstag und 1998 sogar in den Landtag. 2002 wählten ihn die Bürgerinnen und Bürger auf Anhieb zu ihrem Landrat und bestätigten ihn sechs Jahre später überzeugend im Amt. Augenzwinkernd pflegt Steinmaßl gelegentlich das Bonmot: „Wenn Fridolfing 1972 nicht zum Landkreis Traunstein gekommen wäre, hätten die Traunsteiner heute keinen Landrat.“ Wer seinen erfrischenden Rupertiwinkler Humor kennt, weiß, wie er´s meint und schmunzelt.
A propos Rupertiwinkel: Die Menschen im Osten des heutigen Landkreises Traunstein hatte über Generationen hinweg so manche Lektion in Sachen Geschichtsbewusstsein zu verinnerlichen. Der Landstrich musste einst als Spielball salzburgischer und bayerischer Machtinteressen herhalten. So trennte die Salzach ab 1816 plötzlich das, was Jahrhunderte lang mit größter Selbstverständlichkeit zusammengehört hatte. „Drent“ regierte auf einmal Habsburg; „herent“ Wittelsbach. Was trotz allem blieb, war das Gefühl, im besten Sinn etwas Besonderes zu sein und was sich am besten mit der Synthese „Bayerisch Salzburg“ beschreiben lässt.
Beste Voraussetzungen also, um nach Österreichs EU-Beitritt die Rolle eines nach beiden Seiten durchlässigen Bindeglieds zu übernehmen. Schließlich war man ja immer noch irgendwie verwandt. Und genau das kommt wiederum bis heute dem Landkreis Traunstein zu Gute, der sich in seiner Gesamtheit der freundschaftlichen Nachbarschaft zur Kultur- und Bildungsmetropole Salzburg mit all deren international renommierter Strahlkraft rühmen kann. Ob es ohne die Gebietsreform ebenso gekommen wäre? Die Antwort muss Spekulation bleiben.
Zur Welt der Fakten gehört jedoch, dass der Landkreis Traunstein sich vor allem in den letzten 40 Jahren vom überwiegend agrarisch und kleingewerblich geprägten Landstrich in der Südost-Ecke Bayerns zu einem Wirtschaftsstandort erster Güte mitten in Europa entwickelt hat. „Heimat, Hightech, Highlights“ hat sich seine Wirtschaftsförderungs GmbH aufs Panier geschrieben. Firmen mit weltweiter Reputation haben hier ihren Sitz und geben gut ausgebildeten und motivierten Menschen anspruchsvolle Arbeit. Dazu kommt eine Landschaftskulisse, wie sie im Bilderbuch steht und die eine wieder wachsende Zahl von Touristen hierher zieht: in die Chiemgauer Alpen und den Chiemsee im „Urlandkreis“ Traunstein, an den Waginger und Tachinger See sowie in die liebliche Hügellandschaft des Rupertiwinkels im einstigen Landkreis Laufen. Das Zusammengehen hat seit 1972 wahrlich reiche Früchte getragen.